Hat ein Deckhengst ein gutes Leben?
Sie sind unverzichtbar für die Pferdepopulation, führen aber oft ein besonderes Leben: Deckhengste. Von diesen Pferden wird häufig erwartet, dass sie sowohl auf Körungen als auch im Sport gute Leistungen erbringen. Und im Frühjahr müssen sie manchmal mehrmals pro Woche „aufs Phantom“, um ihr Sperma gewinnen zu lassen. Wie sieht das Leben eines Deckhengstes aus?
Wohlfahrt
Zucht
20 April '26 • 5 Min Lesezeit
Früher reisten niederländische Deckhengste während der Decksaison oft durch das ganze Land, auf einem Lkw oder Anhänger. Der Hengsthalter brachte den Hengst damals meist zu den Stuten, um sie natürlich zu decken. Das war nicht nur ein anstrengendes Leben, die Hengste bekamen auch gelegentlich einen Tritt von einer Stute, die noch nicht ganz rossig war. Andere Hengste „bedienten“ Stuten auf der Deckstation, doch auch dort bedeutete dies einen Sprung pro Stute.
Künstliche Besamung
Mit dem Aufkommen der künstlichen Besamung (KB) bei Pferden änderte sich dies. Die Hengste bleiben heute meist auf ihrer eigenen Deckstation, und die Samendosen werden zu den Stuten gebracht. Außerdem werden aus einem Sprung und einer Ejakulation mehrere Portionen gewonnen, sodass ein Hengst weniger oft pro Stute springen muss. Dennoch gibt es strenge Anforderungen an die Qualität des Spermas, und der Hengst muss regelmäßig auf ansteckende Pferdekrankheiten getestet werden. Es kann auch sein, dass ein Hengst vor Beginn der Decksaison 30 Tage in Quarantäne muss. Bei einigen Rassen und Hengsten ist die natürliche Bedeckung noch üblich, aber bei den großen Pferdezuchtverbänden erfolgt die Besamung fast immer über KB oder noch fortschrittlichere Techniken wie In-vitro-Fertilisation (IVF).
Kraftpakete
Ein Deckhengst ist meist eine beeindruckende Erscheinung, mit kräftigem Hals und glänzender Muskulatur. Deckhengste müssen auch in guter Kondition sein, denn das Decken ist mit Hochleistungssport vergleichbar. Um hochwertige Nachkommen zu zeugen, muss der Hengst qualitativ hochwertiges Sperma produzieren. Das erfordert viel Energie sowie eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen. Auch der Sprung selbst ist eine kraftaufwendige Bewegung. Daher ist es für die meisten Hengste nicht möglich, intensiven Turniersport mit häufigem Decken zu kombinieren. Das würde schlicht zu viel Energie und Substanz kosten. Demgegenüber gibt es jedoch auch viele Hengste, die nur eine oder wenige Stuten pro Jahr decken. Bei diesen Tieren muss man die Belastung zwar berücksichtigen, doch stellt das Decken meist keine langfristige Einschränkung für andere Aktivitäten dar.
Tiefgefriersperma und Sport
Da Samendosen auch eingefroren werden können, kann ein Deckhengst heutzutage im (internationalen) Sport laufen und gleichzeitig für Nachwuchs sorgen. Für viele Dressur- und Springhengste ist die sportliche Leistung sehr wichtig, da sie so Bekanntheit erlangen und ihre Qualitäten zeigen können. Züchter schätzen es, Hengste live auf Turnieren, Körungen oder Hengstshows zu sehen, bevor sie eine endgültige Entscheidung für ihre Stute treffen. Oft sieht man, dass Hengste, die im Sport erfolgreich waren, im höheren Alter wieder mehr Zeit im Deckeinsatz verbringen. Das liegt nicht nur daran, dass sie nach ihrem sportlichen Erfolg beliebter sind, sondern auch daran, dass die Befruchtungsrate mit Frischsperma nach wie vor höher ist als mit Tiefgefriersperma. Zudem sind die Kosten für die Stutenbetreuung geringer, wenn mit Frischsperma gearbeitet werden kann. Züchter bevorzugen daher meist „frisch“.
Wohlbefinden von Deckhengsten
Das Wohlbefinden von Deckhengsten hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Mit der Einführung der KB ist das Reisen zu den Stuten weitgehend entfallen, und der Hengst muss weniger oft springen. Außerdem besteht nicht mehr die Gefahr, durch tretende oder beißende Partner verletzt zu werden. Heutzutage erhalten Deckhengste auch mehr freie Bewegung, auch wenn sozialer Kontakt noch nicht immer selbstverständlich ist. Besitzer haben oft Sorge, dass sich die meist sehr wertvollen Hengste beim Spielen oder Kämpfen verletzen könnten. Ob ein Deckhengst ein gutes Leben hat, hängt daher stark vom einzelnen Tier und auch von seinem Charakter ab. Deckhengste werden zudem häufig auf Shows präsentiert, wo laute Musik und klatschendes Publikum Stress verursachen können. Es gibt jedoch auch Hengste, die gut damit umgehen und die Aufmerksamkeit sogar zu genießen scheinen. Die größten Risiken für das Wohlbefinden liegen vielleicht in den hohen Erwartungen und Interessen, die mit solchen Pferden verbunden sind. Ein Besitzer muss oft sehr standhaft sein, um im Zweifel immer im Sinne des Pferdes zu entscheiden, insbesondere wenn viel Geld oder Prestige im Spiel ist.
Fruchtbarkeit fördern mit Vitamin E
Da das Decken eine anspruchsvolle Aufgabe ist, ist eine gute Fütterung für Deckhengste besonders wichtig. Sie müssen ausreichend Vitamine, Mineralstoffe und Nährstoffe erhalten, um ihre Aufgabe optimal erfüllen zu können. Vitamin E spielt eine besonders wichtige Rolle für die Fruchtbarkeit und ist daher für alle Zuchttiere essenziell, sowohl für Stuten als auch für Hengste. Vitamin E kommt natürlicherweise in großen Mengen in Gras vor, doch wenn ein Pferd keinen oder nur eingeschränkten Zugang zur Weide hat, ist eine Ergänzung sinnvoll. Bei Hengsten verbessern sich die Spermaqualität und die Beweglichkeit der Spermien durch eine zusätzliche Versorgung mit Vitamin E – dies ist wissenschaftlich belegt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Befruchtung. Bei der Wahl eines Vitamin-E-Präparats sollte man jedoch aufmerksam sein: Günstigere Produkte enthalten oft Formen von Vitamin E, die von Pferden schlecht aufgenommen werden. Die beste Option ist ein flüssiges Präparat mit natürlichem Vitamin E, dem Isomer RRR-α-Tocopherol, wie es beispielsweise in Weizenkeimöl vorkommt. Andere Isomere werden von Pferden nur schlecht aufgenommen und sind daher meist „verlorenes Geld“. Eine Kombination aus Vitamin E und Antioxidantien liefert häufig die besten Ergebnisse.
Bronnen
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